Pragmatisch, realistisch, kompromissbereit (4/5)


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Kompromissbereitschaft

Die Abschaffung der Sklaverei, die Durchsetzung des Frauenwahlrechts, die Abschaffung der Kinder­arbeit und der Prügelstrafe, die Rechte der Arbeiter und Angestellten, und last not least die Rechte ethnischer Minderheiten – was glauben Sie: Ist das alles durch Kompromissbereitschaft erreicht worden?

  • Gandhi war nicht für seine Kompromissbereitschaft bekannt. Als er anfing, dem britischen Es­tab­lish­ment in Indien gefährlich zu werden, bot ihm der Vizekönig kleine Reförmchen an, und im Gegenzug sollte Gandhi Ruhe geben. Aber die Unabhängigkeit Indiens sei leider nicht möglich, da müsse er realisitisch bleiben (zum Realismus vgl. den letzten Teil). Gandhi lehnte ab.
  • Als Martin Luther King und seine Anhänger mit ihrem berühmten Marsch nach Washington und ihren Boykotten die damalige Gesellschaft der USA beinahe spalteten, und als klar war, dass man das nicht mehr ignorieren konnte, da rief ihn das weiße Establishment dazu auf, doch noch „ein wenig“ (also ein paar Jahrzehnte) zu warten, denn „die Gesellschaft“ vertrüge so viele Veränderungen in so kurzer Zeit nicht. Er und seine Leute sahen es nicht ein. Warum auch? Was wäre in 5 oder 10 oder 20 Jahren anders? Sie forderten jetzt ihre Bürgerrechte ein!
  • Als 1989 die Bürger der DDR auf die Straße gingen und „Wir sind das Volk!“ riefen, machten sie klar, dass sie nicht mehr bereit waren, zu warten. Es reichte einfach. Ihre Kompromissbereitschaft war erschöpft. Und die Kompromissbereitschaft, die die Regierung Krenz plötzlich zeigte, um noch zu retten, was vielleicht noch zu retten war, kam zu spät bzw. war nicht glaubwürdig.

Sie sagen, das alles seien die „großen Kracher“ der Geschichte, eben die Ausnahmen von der Regel, und das könne man nicht unbedingt auf den Alltag übertragen? Mag sein. Sehe ich übrigens ähnlich. Denn man darf ja in der Tat nicht vergessen, dass auf jeden Gandhi, King, DDR-Bürger 1989 usw. jeweils 100 andere kommen, die vorher und nachher Ähnliches versucht hatten, damit aber gescheitert waren und oft auch einen sehr hohen Preis hatten bezahlen müssen. Und ebenso ist es richtig, dass Revolutionen dazu tendieren, ihre eigenen Kinder zu fressen, wie das Sprichwort so schön sagt (eines der bekanntesten Beispiele hierfür: die Französische Revolution). Insofern muss man mit der „Alltags­taug­lich­keit“ dieser Idole auch vorsichtig sein, im Sinne meiner Ausführungen oben beim „Realismus“ im letzten Teil.

Ohne Kompromissbereitschaft keine Verhandlungen und keine Diplomatie. Ohne das wiederum noch viel mehr Kriege und Gewalt und Verwüstung als wir ohnehin schon auf dieser Welt erdulden müssen. Kompromisse mögen nicht immer gut oder ethisch sein, aber sie verhindern oft noch Schlimmeres, das stimmt. Und ich habe – im Allgemeinen – großen Respekt vor Leuten, die im diplomatischen Dienst arbeiten und dezent im Hintergrund, im Schatten der Medien-prominenten Politiker, mit schier unendlicher Geduld die wirklich wichtigen Deals einfädeln. Kein Denkmal erinnert an sie, keine Hymne ehrt sie, kaum eine Biografie wird über sie veröffentlicht. Dabei verdanken wir ihnen so viel…

Aber nicht jeder Kompromiss und nicht jeder diplomatische Deal sind gut. Längst nicht immer sind die Forderungen der „anderen“ berechtigt. Ist das „Kind“, das man angeblich nicht mit dem Bad ausschütten soll, denn wirklich immer so ein putziges, kleines, hilfloses Wesen, das unser aller Fürsorge verdient? Im selben Sinne wie im Teil „Pragmatismus“ mit den „80 oder 90 Prozent“ muss man da natürlich auch fragen: Wann ist denn dann die Zeit gekommen, eben nicht mehr kompromissbereit zu sein? Wann ist es angebracht, dieses verdammte Gör eben schon mitsamt dem Bad auzuschütten? Wann ist es nicht nur anständiger, sondern schlicht und ergreifend auch besser, sein Recht einzufordern und basta? Kurz: Wann haben wir einen dieser Ausnahmefälle?

Aktuelles Beispiel: Ist es tragbar, einen der übelsten Diktatoren und Schlächter unserer Zeit, Bashar al-Assad, zu den Friedensverhandlungen zu Syrien in die Schweiz einzuladen (Frühjahr 2016) – wohlwissend, dass man damit zwar einer miesen Sau Sachen gibt, die sie nicht verdient (ganz zu schweigen davon, dass man sie in der internationalen Diplomatie adelt), aber den „Realitäten“ Rechnung trägt und vielleicht noch mehr Blutvergießen verhindert? Nach dem zweiten Weltkrieg war sich die ganze Welt angeblich einig darin, dass man nie wieder dulden dürfe, dass so ein Wahnsinniger wie Hitler überhaupt so weit kommt. „Chamberlain“ und sein „Appeasement“ wurden zu Schimpfwörtern. Das Münchner Abkommen war einer der miesesten Deals des 20. Jahrhunderts, in dem jeder mitreden durfte, nur nicht die Betroffenen. Toller Kompromiss, der da damals in München ausgehandelt wurde, gell? Irgendwann sei einfach Schluss, und der Krieg habe das ja wohl bewiesen. Ist an dieser Sichtweise nicht auch etwas dran?

Was jetzt? Wofür wollen / sollten wir uns einsetzen? Kleine, inkrementelle Verbesserungen über Jahrzehnte und Jahrhunderte, oder den großen Knall, weil’s einfach reicht? Ich denke, es gibt dafür keine absoluten Maßstäbe. Es gibt fast immer gute Argumente dafür und dagegen. Und man kann beides übertreiben.

Ich denke auch, dass man das auch nicht absolut und Kontext-frei beantworten kann, weil es natürlich auch immer eine Frage der Perspektive („wer ist betroffen?“) und des Zeithorizonts („wann kann ich mit Verbesserungen rechnen?“) ist.

Wir waren beim Einwand, dass das alles die „großen Dinge“ sind, die mit den Kleinigkeiten des Alltags wenig zu tun haben. Schön, aber diese großen Dinge haben Einfluss auf uns alle, auch und besonders im Kleinen. (Gar nicht so) hypothetisches Beispiel: Was hätten Sie als WASP im Jahr 1966 oder ’67 im direkten Gespräch mit einem „Schwarzen“ (wenn ich dieses Wort schon höre…) in Amerika gesagt, um ihn davon zu überzeugen, kleine Verbesserungen über Jahrzehnte seien „besser“, und er solle mal piano machen? Könnten Sie sich vorstellen, dass er Ihnen geantwortet hätte: „But I live now, not in 50 years! And it’s my goddamn right! What would you decide to do if you were me?“ Könnten Sie Ihre „vernünftige“ Position ihm gegenüber noch weiter verteidigen? Und wenn ja: Könnten Sie sich danach noch im Spiegel anschauen? Schlechte Kompromisse können etwas sehr Bequemes haben – für diejenigen, die etwas zu verlieren haben!

Ich finde, die Umkehrung der Sicht und die Anerkennung der Kürze des menschlichen Lebens sind ein guter Lackmustest.

Und daran anknüpfend dann wieder zurück zur Frage der „großen“ versus der „kleinen“ Themen: Gerade die angeblich so „kleine“ Sicht kann uns manchmal ganz klar den Weg weisen, wenn es um die (vermeintlich) so großen Fragen und ihre Verzwicktheiten geht. Denn die „großen“ Themen haben so eine Eigenschaft, alles ins Abstrakte zu verschieben und nur noch die Jahrzehnte und Jahrhunderte und die Tausende und Millionen von Menschen zu sehen und nicht mehr das Individuum hier und jetzt, in dieser konkreten Situation. Es ist aber letztlich genau das, was unser aller Leben am stärksten prägt: Was mit Individuen hier und jetzt und in dieser konkreten Situation passiert. (Über dieses Faktum und die häufige Untauglichkeit des „großen Blicks“ gibt es ganze Traktate und Vorlesungen in Philosophie und Ethik!) Es mag ja im Einzelfall sogar sein, dass die Dinge auf einem guten Weg sind und man „nur“ noch 50 Jahre warten muss, bis es im Großen und Ganzen passt… aber was hat Bürger x, der nun einmal heute und ganz konkret Ungerechtigkeiten erdulden muss, davon? Ist es statthaft, von ihm / ihr zu erwarten, diese Geduld auf zu bringen?

Und so komme ich nach diesem Riesenbogen endlich wieder zum Thema: Ich finde, in diesem Sinne ist es eben auch im „Kleinen“ – und das bedeutet auch: im Alltag des Geschäftslebens – dann und wann ganz heilsam, einfach mal das Gewäsch von sogenannter Vernunft (diejenige natürlich, die immer nur die Benachteiligten aufbringen sollen), vom „Blick auf Ganze“ und von Kompromissen beiseite zu schieben und Tacheles zu reden.

Sie meinen, solch eine Einstellung sei aber nicht professionell? Ehrlich: Ich kann’s schon nicht mehr hören! Ich kann und konnte noch nie nachvollziehen, warum – im Einzelfall! – mangelnde Kompromissbereitschaft automatisch und immer und völlig unabhängig von der Situation bedeuten soll, der Betreffende sei unprofessionell. Natürlich kann es das im Einzelfall einmal bedeuten, aber generell sehe ich Professionalität und Kompromissbereitschaft als zwei verschiedene Dimensionen. Diese Professionalitäts-Diffamiererei gehört für mich eher in die Kategorie der Drohungen und Ausreden aus dem ersten Teil.

Es ist wieder Zeit für kleine persönliche Anekdoten:

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe in meinem Berufsleben sehr gute Verhand­lungs­ergebnisse auch (aber nicht nur!) dann erzielt, wenn ich an einem bestimmten Punkt die Geduld verlor und meinem Gegenüber klipp und klar gesagt habe, das ich jetzt das Herumgeeiere satt hätte und dies und das haben wollte, und Schluss! Natürlich kam ich auf diese Art nicht immer zum Erfolg, aber doch häufig genug. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich in diesen Fällen nur Angemessenes eingefordert hatte und nicht etwa mehr durchgedrückt hatte als mir zustand.

Umgekehrt hatte ich auch schon folgende Situation: Ich zum externen Projekt-Kollegen: „Du schuldest uns noch dieses Ergebnis“. Er: „Braucht’s denn das wirklich?“ Ich: „Ja. Außerdem hast du’s ausdrücklich versprochen, und du kriegst Geld dafür!“ Er: „Na schön, also machen wir einen Kompromiss: Ich mache die Hälfte.“ Ich: „Nein, damit bin ich nicht einverstanden. Wir brauchen alles, du hast alles versprochen, wir bezahlen für alles, und deshalb will ich, dass du alles lieferst.“ Er: „Du bist nicht kompromissbereit!“ Ich: „Bullshit!“ Ein paar Tage später wurde ich zum Chef gerufen, weil „er“ es geschafft hatte, mich als sturen Heini anzuschwärzen, der keine Kompromisse eingehen kann und damit angeblich das Projekt gefährdete. Aber war ich deswegen unprofessionell? Mein damaliger Chef, ein „Vernünftiger“, durchschaute das Spiel von „ihm“ eigentlich. Aber er handelte nicht danach. Er fürchtete nämlich um seinen Ruf bei seinem eigenen Chef. Es ist erstaunlich, welche Macht man mit nur einem einzigen Schlagwort entfalten kann: Einmal „kompromissbereit“ gesagt, und sei es auch in noch so unpassendem Zusammenhang, und schon fallen sie alle um…

Ich finde, es tut uns allen gut – im „Großen“ bei den Gesamt-Gesellschaftlichen Themen, aber auch im „Kleinen“ im Arbeitsalltag – auch mal keine Kompromissbereitschaft zu zeigen, wenn’s angebracht ist: Mit der Sturheit von Gandhi, mit dem Rechtsempfinden und der Entschlossenheit von Martin Luther King und – wenn Sie so wollen – auch mit der Naivität eines Kindes. Einfach einmal zu fragen: „Warum sollte ich bis nächstes Jahr warten? Was wird dann grundsätzlich anders sein? Warum soll ich mir diesen Scheiß gefallen lassen? Wenn es nicht OK ist, dann ist es nicht OK, basta!“


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