Pragmatisch, realistisch, kompromissbereit (3/5)


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Realismus

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Jede Kultur in jeder Zeit hat ihre Helden. Wir („Westler“, frühes 21. Jhdt.) haben sie auch. Einer von ihnen ist z.B. Steve Jobs. Jobs, unser aller Super-Visionär, der sich weigerte, „realistisch“ zu bleiben und einfach tat, was er für richtig hielt, weil er da gewisse Visionen hatte (und gegen Ende seines Lebens auch deshalb, weil er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte und deshalb seine ohnehin gering ausgeprägte Kompromissbereitschaft nahezu vollständig verschwand). Am Ende behielt er jedenfalls nicht nur Recht, sondern feierte sogar einen spektakulären Erfolg nach dem anderen. Oh, was für ein toller Mann er doch war, halleluja!

Die Buchläden sind voll von Motivations-Literatur und Biografien unserer Helden und Gurus. Wir sollen kreativ sein, querdenken, out of the box denken, uns nicht vorschnell von den vermeintlichen Sachzwängen einschüchtern lassen usw. usw.

Ist das etwa falsch? Oder etwa eine schlechte Maxime? Nein, es ist weder falsch noch schlecht. Aber oft einfach nur Geschwätz von Klugscheißern (ich kriege Zustände, wenn so ein selbsternannter Experte von „Kreativität“ faselt, der nicht die geringste Ahnung hat, was das eigentlich ist). Und manchmal ist es schlicht unzweckmäßig oder unpassend.

Nehmen wir eine „typische, stinknormale“ Stelle, die in einer typischen, stinknormalen Firma besetzt werden soll. Natürlich werden der Personalvermittler, die Frau von der Personalabteilung, der Abteilungsleiter und der Geschäftsführer, mit denen der Bewerber redet, alle diese schönen Sonntagsreden rezitieren und einen Eid schwören, dass diese Firma aber wirklich anders ist. Ehrlich, ganz anders als alle anderen. Und aus der Stellenanzeige quoll sowieso aus jedem Satz und auch zwischen den Zeilen die totale Genialität des visionären Denkens heraus. Und daher suchen sie ja auch die ganz besonderen Mitarbeiter, also in diesem Fall den – öh… – Lohnbuchhalter, der ganz kreativ und querdenkend täglich mit wahnsinniger Motivation seine unglaublich visionären Buchungen macht und das einmal im Jahr im inspirierenden Bundesanzeiger veröffentlicht. Mann, was für ein Laden!

Wer ein paar Jahre Erfahrung in verschiedenen Organisationen auf dem Buckel hat, weiß aber, dass diese Versprechen nicht immer gehalten werden. Eigentlich eher selten. Sehr selten. Und wenn doch einmal, dann hat das alles natürlich auch seine weniger angenehme und glamouröse Seite. (Um ein altes Klischee zu entzaubern: den unglamourösen Alltag gibt es auch in kleinen und jungen Firmen, ja-haaa, ich hab’s gesehen!)

Und jetzt geht es mir nicht einmal darum, die „bösen, bösen“ Firmen, die sich da ein bisschen zu gut dargestellt haben, an den Pranger zu stellen (das mache ich an anderer Stelle), sondern auch mal darauf hin zu weisen, dass die meisten Aktivitäten in den meisten Firmen nun einmal nicht für diese Art Genialität taugen. Dass kaum ein Job ohne Routine ist. Und dass die allermeisten Routine-Tätigkeiten, per Definition, auch keine Visionen vertragen, sondern einfach nur langweilig abgearbeitet werden müssen. Und dass man daran meistens auch gar nichts machen kann, jedenfalls nicht als „kleine Maus da unten“, und noch nicht einmal als Geschäftsführer, weil der ja auch nicht im luftleeren Raum lebt (sich z.B. mit so unbedeutenden Leuten wie den Eigentümern oder den Kunden herumärgern muss, die leider nicht ganz so visionär denken). Stellen Sie sich mal einen Geschäftsführer vor, der die Vision hat „I have a dream... ich will eine Firma ohne Rechnungswesen und Buchhaltung leiten!“ Er wäre ganz schnell ein vorbestrafter Geschäftsführer. (Diese These vertritt übrigens auch „Management-Papst“ Malik so treffend in seinem Buch „Führen, leisten, leben“.)

Also, weg mit den Visionen?

„Wer Visionen hat, braucht einen Arzt“ hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Ich mag diesen Satz übrigens nicht – nicht in dieser Allgemeinheit. Wir brauchen Visionen, wir alle! Sorry, Herr Schmidt, hier hatten Sie einfach unrecht, auch wenn Ihr Stolz es natürlich nie zugelassen hat, das auch mal zuzugeben. Aber er hätte Recht gehabt, wenn er gesagt hätte: „Es ist ein Fehler, Visionen über alles zu stellen bzw. sich nur auf sie zu verlassen. Gutes entsteht durch 1% Visionen und 99% stupider, langweiliger Routine-Arbeit!“ So würde ich das sagen.

Und was ist jetzt mit dem Realismus? Der ist ja quasi der Antipode der Visionen. Ganz ähnlich wie im letzten Teil mit dem Pragmatismus würde ich hier für ein richtiges Maß und einen guten Blick in der einzelnen Situation plädieren: Realismus ja… meistens. Aber nicht immer. Manchmal ist es ganz gut, wenn wir dieses gewisse Quäntchen Wunschdenken und Sturheit pflegen und einfach mal fragen „Warum muss denn das unbedingt so sein? Das muss doch auch anders gehen! Warum soll das nicht gehen? Natürlich geht das!“

Natürlich, man kann nicht die ganze Welt verbessern, und schon gar nicht allein, aber jeder kann hier und da etwas beitragen. Und manchmal ist es allein schon das Statement, das man mit solch einer Haltung abgibt, das eine Verbesserung – an ganz anderer Stelle als ursprünglich erwartet – induziert. Weil es nämlich wahrgenommen wird.

An anderer Stelle habe ich auch mal geschrieben, dass ich etwas an der gängigen Management-Literatur nicht mag: Sie sieht i.A. alles nur durch die Brille des Realismus (im obigen Sinne). Das ist wichtig, ohne Zweifel. Aber es reicht nicht. Auf der anderen Seite gibt es dann noch die anderen, alternativen Management-Autoren und ‑Seminarleiter: Diejenigen, die dauernd nur von Querdenken und Kreativität faseln (s.o.) und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Steve Jobs zitieren usw. (natürlich nur die 2-3 Zitate von ihm, die passen, nicht die 1000 anderen, bei denen er sich auch nur als Mensch und „stinknormaler“ CEO eines Konzerns zeigte). Die aber auch immer schön im Allgemeinen bleiben und nie konkret werden. Die sich nicht die Hände schmutzig machen mit den Arbeiten, die nun mal täglich so erledigt werden müssen. (Ich frage mich manchmal, wie solche Leute Ihre Wohnung in Ordnung halten: „Du, Schatz, ich finde, wir sollten das mit dem ewigen stupiden Müll-Raustragen und Wäsche-Waschen mal wirklich hinterfragen. Das ist so unkreativ…“). Visionen, Querdenken usw.: Auch das ist wichtig, keine Frage. Aber allein davon entsteht halt auch nichts.

Die Kunst besteht ja auch nicht darin „irgendwie“ unrealistisch zu sein und sich irgendwelchen — tatsächlich unerreichbaren — Lucy-in-the-Sky-with-Diamonds-Unfug zusammen zu träumen, sondern darin, „gekonnt“ unrealistisch zu sein, d.h. innerhalb der echten, harten Grenzen, aber eben jenseits der angeblichen, vermeintlichen.

Bei allem im Alltag nötigen Realismus: Es ist wichtig, dann und wann „unrealistisch“ zu sein. Realisten halten den Betrieb am Laufen. Sie können uns manchmal sogar das Leben retten. Aber die Zukunft gestalten sie nicht.


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Bildnachweis: geralt via Pixabay