Pragmatisch, realistisch, kompromissbereit (2/5)


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Im letzten Teil hatte ich bereits etwas zu diesen drei Schlagwörtern geschrieben; dort über die politisch missbräuchliche Art und Weise, mit der sie häufig als Waffe eingesetzt werden.

Aber zu diesem Thema ist natürlich mehr zu sagen als nur der eine letzte kleine, sarkastische Beitrag. In diesem und in den folgenden Teilen (ich möchte es etwas ausführlicher machen, daher wird es etwas länger) will ich auf den eigentlichen, unverfälschten Sinn dieser Schlagworte eingehen – und darauf, dass sie auch in anderem – sozusagen im „nicht-taktischen“, „nicht-manipulativen“ Kontext nicht immer passend sind.

Bleiben wir dazu mal im Geschäftsleben (unserem Anker im ersten Teil), denn dort stoßen wir ja ganz besonders häufig darauf: „Pragmatisch“ müssen wir die Dinge angehen, „realistisch“ müssen wir bleiben, und „kompromissbereit“ sollen wir sein. Sonst kriegt man ja nichts gebacken. Perfektion ist etwas für lebensferne Akademiker und Theoretiker, Visionen können sich nur ganz wenige leisten, und wenn man immer nur mit dem Kopf durch die Wand und seinen Willen durchsetzen will, dann erreicht man bestenfalls einen Pyrrhus-Sieg.

Stimmt das etwa nicht? Doch, stimmt. Meistens. So einigermaßen. Aber nicht immer. Und wenn, dann auch nur bedingt.

„Und was will er uns jetzt damit sagen, mit diesen komischen, verqueren Aussagen?“ Also, dazu muss ich ein bisschen ausholen. Gehen wir’s strukturiert an:

Pragmatismus

pragmatism

So à la Feuerzangen-Bowle gefragt: „Wat is eijentlich Pragmatismus?“ Pragmatismus heißt doch z.B., für eine Sache angemessenen Aufwand zu treiben, und zu versuchen, mit den zur Verfügung stehenden (vielleicht etwas unzulänglichen) Mitteln ein „halbwegs anständiges“ Ergebnis zu erhalten – eines, mit dem man fürs erste einigermaßen gut zurecht kommen kann. Soweit ist das noch konsens­fähig. Aber:

  • angemessener Aufwand heißt zB. nicht minimaler und auch nicht Wunsch-Aufwand (angemessen kann im Einzelfall auch ziemlich viel sein),
  • die zur Verfügung stehenden Mittel müssen nicht per Definition lächerlich gering/schlecht sein, und sie werden auch nicht nur deshalb trotzdem ausreichen, weil wir das P-Wort in den Mund nehmen, und
  • ein halbwegs anständiges Ergebnis, mit dem man zurecht kommt, richtig, heißt nicht ein perfektes Ergebnis, es heißt aber auch nicht „der letzte Murks, der gerade noch durchgeht“ (jedenfalls nicht immer) oder gar „mit dem man gar nichts mehr anfangen kann“.

Und da scheiden sich dann auch schon die Geister. Kennen Sie Leute, die eher die zweite Definition im Kopf haben, wenn sie von Pragmatismus sprechen?

Die Pragmatismus-Jünger werden einem immer sagen, dass man doch nach dem Pareto-Prinzip gehen müsse, auch als das 80-20-Prinzip bekannt. Was diese Schlaumeier aber immer vergessen, ist das, was ich das Meta-Pareto-Prinzip nenne (das liest man komischerweise nie in den Management-Büchern) – das Prinzip nämlich, wonach in 80% aller Fälle, mit denen wir es zu tun haben, das Pareto-Prinzip mehr oder weniger bedenkenlos angewendet werden kann. In diesen Fällen, ja, da ist es nicht nur zu empfehlen, sondern sogar geboten, nicht in Perfek­tion zu versinken, sondern einfach „Pareto zu machen“.

Aber was ist mit den anderen 20% aller Fälle?

Es gibt die schönen (und etwas abgelutschten) folgenden Beispiele (ich habe bereits in einem spezielleren Kontext dazu geschrieben, vgl. auch hier und hier):

  • Die Hebamme: Wie oft darf eine Hebamme im Laufe eines Berufslebens ein ihr anvertrautes Baby fallen lassen? Welche Quote gilt da noch als akzeptabel? Eben.
  • Die amerikanischen Fallschirm­springer im zweiten Weltkrieg:1 Bei der Air Force waren bestimmte Leute des Bodenpersonals dafür zuständig, die Fallschirme für ihre Kameraden zu falten. Leider war die Rate der Fallschirme, die sich nicht öffneten, inakzeptabel hoch. Der zuständige Kommandant befahl darauf hin, dass jeder Fallschirm-Falter in bestimmten Abständen einen seiner selbst gefalteten Fallschirme testen müsse. Die Rate ging darauf hin dramatisch zurück: So gut wie alle Fallschirme öffneten sich! (Komisch, wieso eigentlich? Wussten diese perfektionistischen Fallschirm-Falter denn nicht, dass 80% völlig ausreichen? Vor der Maßnahme wohl schon, aber – naja – wenn man selbst springt, dann ist das ja vielleicht ein bisschen was anderes, nicht…?)
  • Römische Brückenbauer: Im alten Rom mussten Architekten / Baumeister, die eine Brücke bauten, nach Fertigstellung höchstpersönlich eine Nacht unter ihrer Brücke schlafen. Können Sie sich denken, warum man das so festgelegt hatte? (Keine Ahnung übrigens, ob das wirklich so stimmt. Wahrscheinlich haben sie doch ihre Sklaven als Stellvertreter geschickt, aber diese Anekdote ist so schön, dass man sie einfach erzählen muss.)

Es gibt Sachen, da sind 80% einfach nicht gut genug. Auch nicht 90% und auch nicht 95%. Vielleicht noch nicht einmal 99,9%. Sondern 100% ist die Maßgabe, Punkt.

Ja, wir sind uns einig, das sind nicht alle Sachen auf der Welt. Aber so wenige nun auch wieder nicht. Und es ist auch nicht nur in Spezialgebieten und „pathologischen Sonderfällen“ so (so nach dem Motto: „Im OP-Saal, ja, da mag das so sein, aber nicht in unserem Geschäft…“). Meine These ist, dass es in praktisch jedem Geschäft solche Sachen gibt. Übrigens geht es hier auch nicht um Meta-Statistiken (also darum, ob’s nun absolut-krasse Ausnahmen sind oder doch noch relativ häufige Fälle), sondern es geht darum, zu erkennen, wann wir es mit solch einem Fall zu tun haben – einem Fall, in dem nur (fast) 100% akzeptabel sind.

Und wenn wir solch einen Fall erkennen, dann sollten wir uns nicht von pseudo-weltläufigen möchtegern-Top-Managern, die sich so gar nicht um uncoole Details kümmern wollen, weil das angeblich nicht Management-like ist, erzählen lassen, dass man doch nach dem Pareto-Prinzip gehen solle, dieses super-Prinzip, das angeblich keine Ausnahmen kennt. (Sie merken es: Ich habe etwas gegen Leute, die einem reflexartig „Pareto“ zurufen, sobald man sie auf etwas hinweist.)

Ich gebe zu, dass ich dabei natürlich teilweise durch meinen früheren Beruf geprägt bin: Ich war mal Software-Entwickler, und die stehen im Ruf, Detail-verliebte Fummler zu sein, die nicht den Blick fürs Große und Ganze haben. Das ist natürlich in dieser Allgemeinheit eine unverschämte Unterstellung, und solche Äußerungen sagen mindestens ebenso viel über denjenigen, der sie ausspricht, wie über diejenigen, auf die sie gemünzt sind. Aber es ist insofern ein Körnchen Wahrheit in dieser Behauptung, als es in diesem Beruf tatsächlich eben auch auf besondere Sorgfalt im Detail ankommt – der Computer „weiß“ eben nicht, was ich „meine“, und er kann sich auch nicht „denken“, was sich der Fachbereich „dabei gedacht“ hat, sondern er macht nur stur genau das, was ich ihm im Code vorschreibe. Und das muss eben klappen. Immer. Auch und v.a. dann, wenn ich als Entwickler gerade nicht da bin (also im normalen produktiven Betrieb). Ich muss daher versuchen, alle möglichen und unmöglichen Fälle voraus zu sehen, die abseits des (vermeintlich) Normalen, also „da draußen“, auch noch auftreten könnten. Und man lernt schnell in diesem Job, dass naive Annahmen wie „dies und das dürfte nicht vorkommen“ einem ganz schnell auf die Füße fallen können. Und das zwingt einen nun einmal dazu, eine 100%-Grundhaltung an zu nehmen. It comes with the job, es ist letztlich also nur Ausdruck von professionellem Vorgehen und nicht notwendigerweise von Liebe zum Detail oder gar von Unfähigkeit, das Große und Ganze zu sehen. (Dass man auch in der Software-Entwicklung so eine Haltung manchmal übertreiben kann, so dass es dann zur déformation professionelle wird, darüber sind wir uns einig. Aber manche oberschlaue Super-Experten reden sich da schon sehr leicht…)

[ Übrigens, ob Sie’s glauben oder nicht: Ich sehe mich nicht als Detail-Pfriemler in allem, was mir zwischen die Hände kommt, auch wenn es nach den obigen Zeilen so wirken mag und ich mir teilweise diesen Ruf erarbeitet habe. An der Wand meines Arbeitszimmers hängt eine Postkarte mit dem Spruch: „Scheiß drauf, ich lass‘ das jetzt so!“ ;-) ]

Und jetzt mal also von der speziellen beruflichen Vergangenheit vom Riegel weg und hin zu etwas allgemeineren Situationen – vielleicht kennen Sie das auch: Da wird in Ihrer Firma ein neues, großes Vorhaben gestartet. Ganz ambitioniert, ganz modern, alles soll von jetzt ab ganz anders werden. Alle sind Feuer und Flamme, und kein Hindernis ist zu groß. Und im Team-Event mit tollen Übungen im Wald werden alle eingeschworen. Jetzt spulen wir dann 1 oder 2 Jahre vor, und wie sieht es dann aus?

  • Alternative A (häufig zu sehen): Man hat das Ganze still und leise wieder begraben, und alles ist wie vorher. Solche Situationen sind von zig Projekt-Management-Ratgebern analysiert worden (und das oft sehr gut), aber das ist jetzt nicht unser Thema.
  • Alternative B (gibt’s auch): Man hat natürlich nicht jeden fantastischen Wunschtraum aus dem Rausch der Anfangsphase erfüllen können, aber so schlecht sieht’s nun auch wieder nicht aus. Eigentlich fehlt gar nicht mehr viel. Wenn nur nicht… ja, wenn nur nicht so viele „Pragmatiker“ so hartnäckig Widerstand leisten würden. Das sind also diejenigen Leute, die an nichts ein gutes Haar lassen können, was es nicht schon gab, als sie 20 waren („das klappt doch eh alles nicht…“), die einfach nur aufgrund ihres Beharrungsvermögens und ihres begrenzten Horizonts alles beim Alten lassen möchten, die aber keinen sachlichen guten Grund dafür nennen können und daher mit der Pragmatismus-Keule kommen.

Jedes noch so kleine Problemchen, jedes putzige widrige Umständlein und jedes irrelevante Nebenzweiglein eines Geschäftsprozesses von 1976, der das neue Vorgehen nicht so vorsah, wird dann plötzlich zum unüberwindbaren Hindernis – in den Augen dieser „Pragmatiker“. Und weil man ja als Geschäftsführer absolut nichts dagegen machen kann, wenn die eigenen Angestellten unter fadenscheinigen Vorwänden ihre Mitarbeit verweigern, muss man dann eben „pragmatisch“ sein und darauf verzichten, das einzufordern, was eigentlich nötig wäre.

So etwas in dieser Art und Größenordnung habe ich in meinem Berufsleben ein paar Mal erlebt. Verstehen Sie, warum ich immer misstrauisch werde, wenn von Pragmatismus die Rede ist? Wir wär’s eigentlich mit folgendem Verständnis von Pragmatismus: Pragmatismus kann auch heißen, einfach mal die Klappe zu halten und das zu tun, was eben zu tun ist, weil sich die Notwendigkeit nun einmal nicht weg-diskutieren lässt.


1Leider kann ich dazu keine Quelle mehr finden, weshalb ich für die Korrektheit diese Darstellung nicht einstehen kann. Aber nehmen wir’s wenigstens als hübsche, glaubwürdige Anekdote, die sich so ähnlich tatsächlich abgespielt haben könnte.


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Bildnachweis: Thilo Riegel (Zitat selbst: Autor unbekannt)