Pragmatisch, realistisch, kompromissbereit (1/5)


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Vielleicht geht es Ihnen so wie mir: Haben Sie sich nicht auch schon zig-mal über Leute geärgert, die in einer Mischung aus Rücksichtslosigkeit (manchmal auch Naivität) Ihre Interessen gegen alle anderen durchsetzen, indem sie mit Regeln und Tabus operieren, die im gesellschaft­lichen und geschäftlichen Leben gelten?

Sie kennen alle einen der Klassiker dieser Masche: Klingelt einer an Ihrer Tür und fragt: „Wir machen eine Umfrage: Haben Sie etwas gegen entlassene Strafgefangene?“ Und wenn Sie jetzt so unvor­sich­tig sind, „nein“ zu sagen, dann sind Sie schon in der Falle, kommen nicht mehr ohne ein Zeitschriften-Abo weg. Es ist klar: Der Mensch, der Ihnen dieses Abo angedreht hat, ist durch eine spezielle „Schulung“ gegangen, in der man ihm beigebracht hat, an die besseren Instinkte des Menschen zu appelieren – und die erwartbare Reaktion darauf dann zu missbrauchen.

Übertragen wir das mal aufs Projekt-Geschäft, wo ich herkomme. Kommen Ihnen folgende Sätze bekannt vor:

  • „Wir brauchen jetzt eine pragmatische Lösung!“
  • „Wir müssen realistisch bleiben!“
  • „Ich erwarte von Ihnen Kompromissbereitschaft!“

Ich habe sie schon Hundert mal gehört. An mich gerichtet und natürlich auch an andere. Manchmal durchaus berechtigt, aber viel zu häufig leider auch unberechtigt.

Seit Jahren kriege ich Zustände, wenn ich diese und ähnliche Sätze höre. Ehrlich: Ich werde sehr reizbar, sobald einer so etwas sagt.

Dabei sind das doch eigentlich – für sich genommen – vollkommen legitime und vernünftige Appelle, oder? Wer kann denn ernsthaft etwas dagegen haben, dass man im Geschäftsleben Dinge pragmatisch angeht anstatt ein Vorhaben mit überzogenem Detail-Perfektionismus zu Tode zu reiten, oder dass man realistisch bleibt, down on the ground, anstatt in sich in Wolkenkuckucksheim Traumschlösser zusammen zu träumen, oder auch dass man – wie in allen anderen Bereichen auch – anerkennt, dass es oft nicht ohne Kompromisse geht? Will ich denn ernsthaft behaupten, dass das keine vernünftigen Maximen sind?

Nein, natürlich will ich das nicht – nicht so allgemein. Natürlich brauchen wir im Projekt-Geschäft (so wie fast überall sonst auch) Pragmatismus, Realismus und Kompromissbereitschaft. Ohne sie läuft nichts.

Sehen Sie: Genau darin liegt ja das Perfide: Natürlich habe ich an sich nichts dagegen, und natürlich vertrete auch ich die Meinung, dass kein vernünftig denkender Mensch etwas allgemein dagegen haben kann. Und selbst, wenn ich etwas dagegen hätte: Ich dürfte es natürlich nie offen zugeben, zu stark sind die Tabuisierungen drum herum. Und zack, Falle zu! „Na also, dann sind wir uns ja einig, dann tun Sie jetzt bitte, was ich Ihnen gesagt habe!“

Sie wissen natürlich, worauf ich hinaus will, wir alle haben das mal erlebt: Ihr Chef / Kunde will, dass Sie etwas tun, worauf er / sie keinen Anspruch hat. Und weil Sie sich wehren, kommt er / sie dann gleich mit dem schweren Geschütz: Den ganz grundsätzlichen Sachen. In solchen Sätzen wie oben steckt natürlich der implizite Vorwurf, man sei also nicht pragmatisch / realistisch / kompro­miss­bereit. Und das ist im modernen Geschäftsleben so ziemlich der schwerste Vorwurf, den man gegen einen Mitarbeiter / Auftragnehmer erheben kann. Wer die Dinge nicht pragmatisch sieht / angehen kann, der kriegt seine Aufgaben nicht fertig. Der ist „unten durch“. Wer keinen Sinn für Realismus hat, der taugt wohl kaum für größere Aufgaben. Nochmal unten durch. Und wer nicht kompromissbereit ist, der hat wohl nicht verstan­den, wer hier das Sagen hat. Und wieder unten durch. Solche Sätze sind häufig knallharte Drohungen oder auch saublöde Ausreden (je nach Kontext), verpackt als scheinbar professionell-vernünftige Argumente / Appelle an die Vernunft.

Es geht also in Wirklichkeit gar nicht um Pragmatismus / Realismus / Kompromissbereitschaft, sondern es geht um Machtkämpfe. Ich habe im Lauf der Jahre meine persönliche innere Übersetzung dieser Sätze angefertigt (die natürlich nicht im engeren, urheberrechtlichen Sinne von mir ist. Natürlich habe ich mich dabei von anderen Autoren / Bloggern / Gesprächen usw. inspirieren lassen):

Register der pseudo-vernünftigen Drohungenund Ausreden,
der schwere nach geordnet.

Phrase

Übersetzung, wenn ausgesprochen vom…

Chef / Kunden
(Drohung)

gleichrangigen Kollegen
(Ausrede)

Wir brauchen jetzt eine pragmatische Lösung!“
(Stufe 1)

Pass auf, Junge / Mädel, du bist ja ganz schlau, und du hast ja eigent­lich auch recht mit dem, was du sagst, und wahrscheinlich habe ich mal wieder zu viel gefordert. Aber ich habe keine Lust, das zu bezah­len – verstehst du: keine Lust! Ich will natürlich trotzdem hinterher die volle, kom­pro­misslose Qualität mit allem tutti completti haben, aber Termin (unhalt­bar) und Budget (ein Witz) sind trotzdem einzuhalten! Sieh zu, wie du das hinbekommst! Und komm mir bloß nicht mit „das kostet aber mehr!“ Oder schaffst du das etwa nicht? Ich dachte, du wärst gut in deinem Job? Wolltest du hier nicht weiterkommen..?

Du hast Recht, ich habe etwas versäumt / bin meinen Aufgaben nicht nachgekommen. Wegen Deiner blöden Hartnäckigkeit und guten Argumentation muss ich das jetzt auch noch zugeben, du Arsch! Dann muss ich jetzt die Not­bremse ziehen, den Super-Joker, damit ich jetzt vor den an­deren nicht mein Gesicht verliere: Ich behaupte jetzt einfach, das wäre übertriebener Aufwand.
(Ha, das ist gut! Dann komme ich vielleicht doch noch drum herum, das zu machen; habe nämlich nicht den geringsten Bock darauf. Und klinge dabei auch noch cool-professionell…)

„Wir müssen realistisch bleiben!
(Stufe 2)

Ich muss zugeben, dass deine For­de­rungen vollkommen vernünf­tig klingt, und dass deine Argumen­tation ziemlich wasserdicht ist. Lei­der fällt mir jetzt auch gerade kein sachliches Argument mehr ein. Des­halb muss ich jetzt unsachlich wer­den: Pass bloß auf, Junge / Mädel, du kommst jetzt in vermintes Ter­rain! Letze Warnung! Merke, wenn der Chef / Kunde etwas will, dann gilt das! Ober sticht Unter, diese Regel kennst du doch, oder?
(Abgesehen davon, dass ich selbst ja auch meinen Chef / Kunden habe, und was meinst du denn, soll ich dem erzählen? Soll ich dem etwa auch mit Sachargumenten kom­men?)

(Scheiße, der / die ist hartnäckig, und auch noch gut im Argumentie­ren. Und ich bin doch so schlecht vorbereitet… Dann spiele ich jetzt die Verbrüderungs-Karte.) Mensch, wir Kollegen müssen doch zusam­menhalten! Die Welt ist nunmal wie sie ist, nicht, und wir alle ver­sauen mal was, gell? Und heute bin ich’s, morgen du, nicht wahr? Eine Hand wäscht die andere, weißt schon! Also, Kollege, mach’s uns doch nicht so schwer, sieh‘ einfach drüber hinweg, dann hast du was gut bei mir (was ich natürlich nie zurückzahlen werde, hehe!), und wir erzählen dem Chef / Kunden einfach, dass es so war, und dann kann er auch schon nichts mehr sagen. Einverstanden? Überleg‘ aber nicht zu lange!

„Ich erwarte von Ihnen Kompromissbereit­schaft!“
(Stufe 3)

Wie bitte, was sagst du da, du Wurm? Leistest immer noch Wider­stand?! Freundchen, jetzt reicht’s mir mit dir, du tust jetzt gefälligst, was ich dir sage! Ich bin der Boss, verstanden! Und jetzt will ich nichts mehr hören!
(Undankbares Pack, da holt man sich die besten Leute mit Standing ins Haus, und dann wagen die es auch noch, selbst zu denken und ihr gutes Recht einzufordern!)

Verdammt nochmal, ich habe dir doch gesagt, dass ich keinen Bock habe, meinen Anteil zu leisten! Der ganze Scheiß geht mir sowieso am Arsch vorbei! Und wenn du jetzt noch weiter darauf bestehst, dann gehe ich zum Chef und sage, dass du mich ganz, ganz blöd angemacht hast, und dann macht er dich zur Schnecke! So, das hast du dann davon! Kompro­miss heißt: „Du machst, was ich will“, merk dir das!
(Mist, hoffentlich schluckt er / sie diesen Bluff!)

Diese Übersetzungen lassen sich natürlich je nach Kontext noch ein bisschen spezifischer aus­führen. Z.B.: „Realismus“ vom Chef, wenn es um die Gehaltsverhandlung geht: „Ja doch, ich weiß, ich habe dich schon letztes Mal vertröstet, und es gibt Kollegen, die besser bezahlt werden als du, obwohl sie nicht so viel leisten. Jajaja! Meine Güte, mir fällt jetzt halt auch nichts Besseres ein, als Dir einfach zu sagen, dass ich nicht kann (= es versäumt habe, Vorkehrungen und Rücklagen für meine Versprechen zu bilden) und nicht will. Ich habe keine Lust, mich weiter mit dir über dieses unangenehme Thema zu unterhalten! Ich mag es einfach nicht, wenn Leute zu mir kommen und für ihre gute Arbeit auch noch gutes Geld verlangen und mich an meine Versprechen erinnern, die ich doch nicht halten will (natürlich will ich sie nicht halten, was glaubt der denn? Verantwortung kann so Scheiße sein…)! Ich mag es lieber, wenn ich für wenig Geld fast alles verlangen kann, noch dazu von Idioten, die sich auch noch immer wieder vertrösten lassen! Das ist zwar nicht besonders an­ständig, aber es macht mehr Spaß!“

So in der Art, halt.

Ich mag geradlinige Kommunikation. Ich mag Leute, die die Arbeit machen, für die sie bezahlt werden, die ihrer Verantwortung nachkommen, und die für ihre Fehler und Versäumnisse gerade stehen. Ich mag keine Zechpreller (= Leute, die alles bestellen, was auf der Karte ist, aber nicht dafür bezahlen wollen), Drückeberger, die ihre notwendige Arbeit nicht machen / Versprechen nicht halten, Luschen, die sich auf Kosten anderer durchschleifen lassen, Hintenrum-Kommunizierer, Manipulierer, intrigante Säue.

Erst recht mag ich keine Leute, die teure Gesichter haben (weil sie auf keinen Fall ihr Gesicht verlieren dürfen), keine Fehler zugeben können, für alles eine Ausrede finden und nur in einer einzigen Sache glänzen: Dem Wegschieben von Verantwortung. Bella Figura über alles. Und vor allem mag ich keine Umgebungen, in denen solche Leute das Sagen haben / mit ihrem Scheiß auch noch durch­kommen.

Und weil ich in der Vergangenheit ein bisschen zu häufig mit solchen Leuten in solchen Umgebun­gen zu tun hatte, mag ich auch die Schlagworte „realistisch“ / „pragmatisch“ / „kompromiss­bereit“ nicht – genauer: ich mag es nicht, wenn sie in „verdächtigem“ Kontext verwendet werden. Sie sind für mich zu Reizwörtern geworden, die bei mir die Alarmglocke auslösen. Ich habe es einfach zu häufig erlebt, dass sie missbraucht wurden. So, wie die Frage, ob man etwas gegen entlassene Strafgefangene habe.


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