Gorilla-Management 5/6: Mythen


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Ziemlich viele Mythen ranken sich um Alpha-Männchen. Googeln Sie mal ein bisschen, oder schauen Sie, was man bei YouTube so zu diesem Thema als Top-Treffer findet. Das schwankt zwischen putzig und richtig erschreckend!

Weit vorne bei den Mythen ist die sog. „Great-Man-Theory“, wonach die Geschicke einer Firma oder gar ganzer Nationen, überhaupt der ganzen Weltgeschichte, hauptsächlich von herausragend mutigen, starken und visionären Führungs-Persönlichkeiten bestimmt wird (all unsere Lieblingshelden aus den Hollywood-Filmen). Dass wir all den Fortschritt, unsere Freiheit, aber auch unsere Probleme nur unseren Gorillas zu verdanken hätten (fragt sich nur, ob Freund- oder Feind-Gorilla). Dass man überhaupt nur als Gorilla etwas bewirken könne. In allem, vielleicht von ein paar Ausnahmen abgesehen.

Natürlich ist das teilweise eine selbst erfüllende Prophezeiung, eben weil es so unverhältnismäßig viele Gorillas in Führungspositionen gibt. Aber in dieser Verallgemeinerung ist es natürlich Quatsch. Jeder, der sich tiefer und eingehender mit dem Thema Führung befasst hat, weiß, dass die Wirklichkeit weitaus vielschichtiger ist, und dass, nüchtern betrachtet, Alpha-Männchen darin sogar eine eher kleine Rolle spielen. Sie mögen auffallen, aber sie bewirken nicht unbedingt viel (Gutes). Vom Theme „seriöse / verlässliche Geschichtsschreibung“ mal ganz zu schweigen.

Und deshalb tut es mir teilweise wirklich körperlich weh, mit anzusehen, wie erschreckend viele, ansonsten sehr kluge, Leute zu Jüngern dieser unglaublich dämlichen Gorilla-Religion geworden sin (ich war früher auch mal so einer – ich war noch jung und blöd…).

Ich finde daher, dass es wichtig ist, sich immer wieder mal in Erinnerung zu rufen, wieviel Schaden Gorillas anrichten. Ich selbst habe natürlich auch meine (kleineren) Schäden davon getragen, und es hat mich ein paar Jahre gekostet, darüber hinaus zu wachsen.

Fairerweise muss ich natürlich auch erwähnen, dass es durchaus Orte und Situationen gibt, in denen Gorilla-Alphas ihren Platz haben und gutes bewirken können. Typisches Beispiel: Turnaround-Situationen und ähnliche Krisen. Bin auch einmal bei so etwas dabei gewesen, und dort war unser hauseigener Silberrücken auch richtig eingesetzt. Aber mal ehrlich: Wie häufig hat man das schon? Im normalen Alltag richten unsere Silberrücken per Saldo eher Schaden an. Und v.a.: auch in solchen Situationen braucht man dann nicht irgendeinen Gorilla, sondern einen kompetenten!

Kommen wir zurück zu den Gedanken vom Anfang: Was man so beim Recherchieren darüber findet, und was da sonst so alles zu diesem Thema genannt wird: Je älter ich werde, desto mehr sehe ich, dass wir alle, kollektiv, unsere Sehnsüchte in solche Alpha-Übermännchen-Typologien projizieren. Also z.B.:

  • Alphas sind selbstsicher!
  • Alphas sind motiviert bei dem, was sie tun!
  • Alphas folgen ihrer Leidenschaft!
  • Alphas bewirken Gutes, indem Sie den Leuten zeigen, wo der richtige Weg hinführt!

usw. usw. Man kennt das alles ja auch in abgeschwächter Form aus den Persönlichkeits- und Führungskräfte-Seminaren. Das aus meiner Sicht Problematische daran: Jeder einezelne dieser Punkte ist, auf die jeweils konkrete Situation bezogen, gar nicht problematisch, sondern meistens durchaus sinnvoll / gut gemeint. Aber in dieser Massierung und Verallgemeinerung und im Diktus eines „Du sollst… sein!“ nimmt das eher den Charakter eines religiösen Glaubensbekenntnisses an. Das kann teilweise bis zum Psycho-Terror gehen!

Wir haben — als Gesellschaft — den Alphas eine modernen Kathedrale gebaut. Es wird Zeit, dass wir sie wieder abreißen und uns von diesem Zerrbild eines Übermenschen verabschieden!

Uga!


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Bildnachweis: Gerhard Gellinger via Pixabay