Gorilla-Management 2/6: Beispiele

ID-10072893


Vorheriger Beitrag  Ebene hoch


Klar: Sie alle kennen aus eigener Erfahrung genug Beispiele. Hier mal vier meiner „Lieblings-Gorillas“ aus meinen letzten 10 Jahren.

  • Gorilla Nr. 1 war ein hochrangiger Büro-Prolet, der – Zitat eines Ex-Kollegen – „keinen Stil hat“. Er lässt grundsätzlich niemanden, der im Rang unter ihm steht, ausreden, auch wenn er/sie keineswegs langatmig herumfaselt, redet intelligente und hochrangige Kolleginnen im reiferen Alter mit „Mädels“ an, und er nimmt sich ständig plumpe Vertraulichkeiten und Teenie-haftes Dominanzgehabe heraus.

Besonders krass: Er schreckte auch nicht davor zurück, einen im Grunde gleichrangigen Kollegen, der aus bestimmten Gründen für kurze Zeit formal sein Mitarbeiter war, fortwährend zu erniedrigen, indem er ihn Hilfsarbeiten ausführen oder sich auch mal im besoffenen Zustand von ihm heimfahren ließ (eigentlich unnötig, zu erwähnen: Dieser ließ sich das natürlich nicht lange bieten und ging). Kurz: Der Mann war wie der etwas zu alte Rabauke im Sandkasten, der die anderen fortwährend tyrannisiert.

Das Schlimmste: Er war dumm. Doch wirklich, sorry, das ich das so krass sagen muss, aber er hat das Geschäft in seinem Verantwortungsbereich einfach nicht gerafft. Natürlich sah er selbst das völlig anders.

Wer ihn uneingeschränkt als Boss anerkannte, also jeden noch so blöden Mist, den er von sich gab (und das war viel!) brav nachplapperte, der durfte in seine Entourage, und die nahm er einmal im Monat zum Saufen mit. Das war seine Art, zu belohnen. Die anderen ließ er durch sein Gefolge fertig machen.

Ich hatte Glück: Mich ignorierte Gorilla einfach. Ich war ihm nicht wichtig genug, und ich hatte auch nicht wirklich Gelegenheit, unangenehm bei ihm aufzufallen. Ein paar Monate später wurde er durch einen noch größeren Silberrücken abgesägt. Plötzlich grüßte er mich freundlich und ohne Uga-Uga-Stimme, das war ganz neu bei ihm. Die nächsten paar Jahre verbrachte er im hauseigenen Elefantenfriedhof, wo er sich bei „ganz strategischen“ Querschnitts-Projekten wichtig machen durfte.

  • Gorilla Nr. 2 kommt manchmal total freundlich und nahbar rüber. Meistens aber nicht. Er braucht es, dass die Leute Angst vor ihm haben, und er duldet niemanden neben sich, deshalb ist er fast immer auf Angriff getrimmt (nicht nur seine Worte zeugen davon, auch seine Körpersprache und seine Stimme).

Im Gegensatz zu Gorilla Nr. 1 ist er aber kein so offensichtlicher Prolet, sondern kann sich durchaus benehmen – jedenfalls auf den ersten Blick. Wer ihn näher kennt, weiß, dass auch er einen sehr rustikalen Kern hat. Und ein sehr kleines Ego, das er mit sehr großspurigem Auftreten streichelt. Das hat ihm insofern genützt, als er ein klassischer Selfmade-Typ ist, der sich hart hocharbeiten musste.

Er duldet keinen Widerspruch: Seine Geduld mit Leuten, die nicht augenblicklich vollständig seiner Meinung sind, ist nicht sehr ausgeprägt – um nicht zu sagen: Überhaupt nicht vorhanden. Aber es gefällt mir an ihm, dass er erstens durchaus weiß, wovon er redet (i. Ggs zu Gorilla Nr. 1), weil er lernfähig ist, und dass er seine Ungeduld nicht nur seinen Mitarbeitern gegenüber zeigt, sondern auch seinen Kunden gegenüber.

Wenn er allerdings „seine Tage“ hat, ist er unausstehlich. Ich hatte mal die Frechheit besessen, 50 Seiten auf dem Drucker auszudrucken, auf dem er auch etwas heraus lassen wollte. Und das wollte er jetzt, gleich, sofort! Damals kannte ich ihn noch nicht so gut, und so wollte ich die Situation mit einem kleinen, harmlosen Witz entschärfen. Oh-oh, nicht gut! Gorillas Haare sträubten sich, und wies mich unwirsch zurecht. Ich war zu überrascht, um mich zu wehren.

  • Gorilla Nr. 3 wurde uns als Projekt-Coach zur Seite gestellt — eine Rolle, die er sehr überzeugend ausfüllen konnte (und manchmal auch deutlich überzog). Sein Selbstwertgefühl, das er hauptsächlich aus seiner (tatsächlich großen) Erfahrung und seinem erfolgreichen Kampf nach oben nährt, ließ ihn immer wieder glauben, dass alle anderen so gar nichts vom Geschäft verstünden, und dass er sie wie kleine Kinder behandeln müsse. Er weiß immer alles, hat ständig einen ausgeprägten Cowboy-Gang drauf (fast schon eine Karikatur) und lässt sich nur sehr ungern etwas erklären.

Mit Gorilla arbeitete ich eine Weile im Projekt beim Kunden zusammen. Obwohl wir mal vereinbart hatten, dass wir unsere getrennten Verantwortungsbereiche hatten und uns gegen­seitig nicht in unsere Angelegenheiten einmischen wollten (was übrigens von ihm selbst ausgegangen war), begann er eines Tages plötzlich, meine ganze Vorgehensweise pauschal zu diskreditieren – vor unserem Kunden, und ohne vorher mit mir darüber gesprochen zu haben.

Das wollte ich nun nicht auf mir sitzen lassen, und so beging ich eine Todsünde: Ich patschte ihm mit dominanter Geste auf den Oberarm, sagte „ist schon gut, beruhige Dich“ oder Ähnliches und ließ ihn demonstrativ stehen – ebenfalls vor dem Kunden.

Ich glaube, dergleichen hatte Gorilla schon lange nicht mehr erlebt. Er kochte natürlich vor Wut, dachte sich „was‑e er-elaub‑e Unter-Gorilla!“ und konnte sich vor dem Kunden nur so gerade noch zusammenreißen. Ein paar Minuten später, wo wir dann kurz allein vor dem Aufzug standen, stellte er mich dann. Das Streitgespräch, das dann folgte, war kurz und heftig, und es endete damit, dass wir beide nebeneinander im Cowboy-Gang aus dem Aufzug mar­schier­ten, beide mit starr nach vorne gerichtetem Killer-Blick, während die Kollegen links und rechts betreten guckten.

  • Gorilla Nr. 4 war eine Eminenz aus der Zentrale des Kunden. Er hat ständig einen fiesen Habicht-Blick drauf und ist bekannt dafür, dass er sich einmal im Monat einen in der Firma unter 4 Augen zur Brust nimmt, der fortan in der Firma verbrannt ist. Auch gleichrangige – Gorilla hat nämlich direkten Draht zum Vorstand.

Gorilla grüßt niemanden, den er nicht gerade im Visier hat. Zu wem er freundlich ist, der muss sich vorsehen. (Das ist bei ihm ein bisschen wie bei Star Trek: Wer mit Komparsen-Rolle von Kirk wahrgenommen wird und 3 belang­lose Worte mit ihm wechselt, stirbt noch in derselben Folge.) Ich war allerdings nie in seinem Visier, ich war zu unwichtig. Allerdings war ich nun auch kein Nobody im Projekt, und so hatte ich ihn blöderweise zwei- oder dreimal auf dem Gang gegrüßt und angenommen, dass er wüsste, wer ich bin. Wie töricht von mir!

Eines Tages nahm er an einem operativen Meeting teil (ein klares Zeichen, dass der Meeting-Leiter demnächst abgesägt werden sollte, was dann auch tatsächlich der Fall war). Ich hatte mir herausgenommen, im Meeting etwas zu sagen. Zur Sache! Und das, wo ich sogar noch gefragt und zuständig war! Und weil ich meinerseits einen Widerspruch von einem anderen abbürstete (ich war an diesem Tag etwas gereizt, und der Kommentar war wirklich dumm…), sah ich nach dem Meeting, wie Gorilla sich zu seinem Adjutanten beugte und leise und in ungeduldig-ungnädigem Ton fragte, wer denn dieser Kerl (also ich) sei…

Wahrscheinlich hätte mich das auch meinen Kopf kosten können. Ich ließ ihm aber keine Gelegenheit dazu, weil ich kurz darauf ohnehin und aus ganz anderen Gründen das Projekt verließ.


Nächster Beitrag


Bildnachweis: Hal Brindley über FreeDigitalPhotos.net